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Dienstag, Dezember 24, 2013

Weihnachtsstern

Heute sei an den vergessenen Wolf Bergmann (* 4. Februar 1904, Freiburg i. Br.) erinnert, dem 1941 die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wurde. 1937 wurde Madeira ein neues Zuhause, ab 1954 Lissabon bis zu seinem Tod am 7. Oktober 1972.




Madeira ist bekannt für die üppige Blüte der Weihnachtssterne. Daher zu Ort & Datum passend Bergmanns Gedicht «Strauch» (aus Atlantische Landschaften, 1951):

Der Strauch erfüllt mit roten Weihnachtssternen,
Mit sonnigstem Karmin sein Festgebot.
Jetzt kann er für sein Rotsein nichts mehr lernen,
Jetzt ist der Sternstrauch ungeduldig rot.

Sein Christfest ist ein purpurnes Sichfreuen
Und macht verlumpten Bettlern wieder Mut.
Er heißt die Reichen ihre Münzen streuen.
Die Scham des Sternstrauchs lodert voller Glut.

Mit zirpenden Gitarren kommen Bauern,
sie tänzeln täppisch an dem Strauch vorbei.
Die Meereswellen schauern, lauschen, lauern
Und warten auf des Sternstrauchs Herzensschrei.

Die Nacht ergrünt, zersplittert von Raketen,
Aus Kronen rieselt Silber auf die Stadt.
Da strahlt der Sternstrauch, um mitanzubeten,
Da blitzt rubinentrunken jedes Blatt.

Die Bauern zogen stadtwärts zum Altare,
Zum Kindchen in Brokat und Diamant.
Sie staunen über seine goldnen Haare,
Es donnert toll vor Freude der Atlant.



Zu Wolf Bergmann siehe den zweiteiligen Beitrag von Georg Laitenberger unter dem Titel "W.B. - Wahrhaftigkeit im Exil", veröffentlicht in der Luso-Hanseatischen Post 25 und 26 des Jahres 2004, anlässlich des 100. Geburtstags, der mit einer Matinee im Hirschparkhaus (Hamburg) gefeiert wurde.
Im Anhang des Programms der Gedenkfeier im Palácio Foz (Lissabon) die Chronik der Emigration 1932 bis 1954 von Charlotte Bergmann (geb. Manasse) in der portugiesischen Übersetzung von Bernardo Jerosch Herold und Clarisse Ferreira dos Santos.

Sonntag, November 10, 2013

Kuriose Verbindungen

«Warte Bursche, ich will dich schon kriegen!» – 
Man sagt, das Wort Bursche oder Bursch (pl. Burschen) leite sich von lateinisch bursa für ‚Beutel‘ ab, und bezeichnet ursprünglich allgemein eine finanzielle Gemeinschaft (man sagt ja auch Geldbörse). Daher verwendete man das Wort für Stipendiaten. Dieselbe Bedeutung liegt auch der Börse, der finanziellen Interessengemeinschaft, zugrunde.
Das ist interessant, wenn man an das Portugiesische denkt, denn auch hier bezeichnet man mit dem Wort bolsa nicht nur die Börse (Institution) und den Geldbeutel (synonym zu carteira und porta-moedas) sondern auch das Stipendium für den Studenten. Der Stipendiat heisst also bis auf den heutigen Tag o bolseiro, der somit – wer hätte es gedacht – entfernt mit dem deutschen Burschen verwandt ist.

Im 17.Jahrhundert wurde der Bursch(e) allgemeiner Ausdruck für einen Studenten, beinahe synonym. Während der Ausdruck Student (im Portugiesischen: estudante, aber man kann auch aluno sagen) mehr auf den Aspekt des Studierendens abhebt, drückt Bursch(e) eher die Lebensart der Studenten in ihrer Freizeit und die damit verbundene sehr spezielle Kultur aus. Als „echter Bursch“ galt nur, wer sich in den Sitten und Gebräuchen der Studenten auskannte.
Noch zu Beginn des 19.Jahrhunderts galt das Wort Burschenschaft für Studentenschaft, wie man aus Reden auf dem Wartburgfest 1817 ersehen kann.

In der Studentensprache des 19. Jahrhunderts wird der Begriff Bursche eingeengt auf eine Bezeichnung für ein Vollmitglied einer Studentenverbindung, der seine Probezeit als Fuchs bzw. Fux (im Portugiesischen entsprechend: caloiro) erfolgreich hinter sich gebracht hat. Dabei muss diese Studentenverbindung keine Burschenschaft im strengen Sinne sein, das heisst eine Organisation die den Werte und Grundsätze der Urburschenschaft von Jena (1815) folgt. 
Hier wird es schon schwierig, im Portugiesischen Vergleichbares zu finden, denn jede Universität hat hier eine einzige Associação Académica, in die sich die Studenten gleich nach der Immatrikulation einschreiben (nicht zwingend). Dadurch gewinnt sie Charakter und übernimmt Funktionen, die an deutschen Universitäten vom jeweiligen Studentenwerk erfüllt werden.

Die Rituale der Initiation in die universitäre Gemeinschaft werden in der sogenannten praxe (lat. praxis) vollzogen, veranstaltet von associações de praxe, die für jeden Studiengang und / oder Fakultät spezifisch sind, aber einem für die gesamte jeweilige Hochschule gültigen código de praxe gehorchen. Da diese Rituale auch im öffentlichen Raum ausserhalb des Campus vollzogen werden, sind sie weitaus präsenter und daher für deutsche Augen befremdlicher als diejenigen der Burschenschaften, die selten in die Öffentlichkeit treten und nur an deutschen Universitäten mit Traditionen des 19. Jahrhunderts durch die Vereinshäuser usw. mehr oder weniger auffallen.

Trotz dieser Unterschiede gibt es auch kuriose Verbindungen: zu nennen ist der sicherlich seltene Fall eines portugiesischen Studenten an der Universität Jena, der Anfang des 20. Jahrhunderts in die 1851 gegründete Burschenschaft Agronomia Jenensis aufgenommen wurde. 
Pedro de Queiroz Gaivão, aus einer alten Adelsfamilie Nordportugals stammend, hat sich dabei auch dem Ritus der Mensur unterworfen und es bis zum Schriftführer (!) gebracht.
Über seine Erfahrungen des studentischen Lebens von Damals legen seine auf Deutsch (!) geschriebenen Tagebücher beredtes Zeugnis ab. Sie waren Untersuchungsgegenstand einer der ersten Masterarbeiten des Studiengangs Deutsch-Portugiesische Studien / Estudos Luso-Alemães an der Universidade do Minho, ausgeführt von Paulo Miguel de Oliveira (Abschluss 2004). Daraus entstand eine spätere zweisprachige Publikation, finanziert von der C.M. Arcos de Valdevez, wo das Stammhaus der Familie steht.


Pedro de Queiroz Gaivão, Os diários alemães 1897-1904. Die deutschen Tagebücher. Zweisprachige Ausgabe von Paulo Miguel de Oliveira, Ed. Município Arcos de Valdevez 2006.

Eine erste kontextualisierende Vorstellung von Pedro de Queiroz Gaivão erfolgte 2001 im Rahmen der 6. Deutsch-Portugiesischen Arbeitsgespräche an der Universidade do Minho durch Prof. Armando B. Malheiro da Silva, der Nachlässe der Herrenhäuser (Casas Armoniadas) von Arcos de Valdevez aufarbeitete und dabei auf diese bildungsgeschichtlich interessante Dokumente stieß.


„Um estudante português no II Reich, 1897-1903. Apresentação de um Diário escrito em alemão”, Portugal – Alemanha – Brasil. Actas do VI Encontro Luso-Alemão / 6. Deutsch-Portugiesisches Arbeitsgespräch. (Eds.) Erwin Koller, Orlando Grossegesse, Mário Matos und Armando Malheiro da Silva, Braga : CEHUM (Col. Hespérides 14), vol. I.

Donnerstag, August 22, 2013

Gastarbeiter beim deutschen Film mit Folgen: Arthur Duarte

Der Schauspieler und Regisseur Arthur Duarte (Pseudonym von Arthur de Jesus Pinto Pacheco, 1895-1982) ist heutzutage nahezu vergessen – in Deutschland und Österreich, wo er von 1927-33 in über 40 Spielfilmen meist in Nebenrollen mitwirkte. In Portugal, wo er von 1938-77 fünfzehn Spielfilme drehte (daneben auch in Frankreich und Spanien) zählt er zu den Repräsentanten der sogenannten ‚Anos de Ouro‘ des portugiesischen Kinos der späten Dreißiger und Vierziger Jahre. Trotzdem ist der deutschsprachige Wikipedia-Eintrag weitaus kompletter als der portugiesische (dank der Hauptquelle Murtinheira / Metzeltin, 2010: 46-59).

Aus seinem Lebenslauf: nach zwei Jahren in Paris in ersten Nebenrollen (u.a. 1923 in O Primo Basílio von Georges Pallu) ging Duarte 1927 nach Berlin und wurde von der Ufa unter Vertrag genommen. Ein Einzelfall? Er mimte z.B. einen Strafgefangenen in Geschlecht in Fesseln von 1928, oder wirkte im berühmten Halbweltepos Asphalt von 1929 mit. Koinzidierend mit der Krise des Stummfilms, unter der auch seine Schauspielerei leidet (jetzt muss er wirklich gut Deutsch lernen! daher zunehmend Regieassistenz) kommt ihm eine wichtige transnationale Mittlerfunktion im Filmschaffen der Dreißiger Jahre zu. So empfängt er 1929 auch den Filmkritiker und -regisseur António Lopes Ribeiro (von Moskau her kommend, wo er u.a. Dziga Vertov kennengelernt hatte) in seiner Wahlheimat und führt ihn in die Studios der Ufa ein.


[Quelle: filmportal.de]

Im selben Jahr sollte Lopes Ribeiro eingeladen werden, bei der Komödie Fräulein Lausbub [unter dem portugiesischen Titel A Menina Endiabrada] (Regie Erich Schönfelder) die Dreharbeiten in Lissabon zu leiten. Die aus Polen stammende Dina Gralla spielt als Daisy die Hauptrolle (siehe Foto). Auch hier ist Arthur Duarte mit von der Partie in der Rolle des Rittmeisters Frank Neuhaus, begleitet von einem Stallbub Bob, gespielt von Max Nosseck. Diesen Namen des 1902 geborenen Schauspielers und Regisseurs wird man sich merken müssen, da er für die vielleicht wichtigste deutsch-portugiesischen Produktion der Dreißiger Jahre von zentraler Bedeutung ist: es handelt sich um den Film Gado Bravo (1933-34), der einen eigenen Blog-Eintrag verdient. Er ist sozusagen die Frucht, die durch Duartes Mittlerrolle und António Lopes Ribeiros ‚deutsche Lehrzeit‘ von 1929 vorbereitet wurde, koinzidierend mit dem beginnenden Exodus von Filmschaffenden aus dem Deutschen Reich Adolf Hitlers.

Arthur Duarte selbst sollte Jahrzehnte später 1971 in der Fernsehadaptierung Die Nacht von Lissabon nach dem berühmten gleichnamigen Roman Erich Maria Remarques von 1963 mitwirken.

Murtinheira, Alcides / Metzeltin, Igor (2010), Geschichte des portugiesischen Kinos. Wien, Praesens Verlag. 

Mittwoch, August 21, 2013

Spezialisten am Werk: Willy (oder Isy) Goldberger

«Auf Wiedersehen, ich habe keine Zeit zu verlieren, es ist schon ziemlich spät. – Es ist Punkt Mitternacht. Machen Sie bitte das Licht aus».

Das sind die einzigen deutschen Sätze, die im Werk von José Saramago erscheinen, begleitet von einer (zweifelhaften) phonetischen Transkription und Übersetzung, denn – wie es weiter heisst: „wir befinden uns erst am Anfang der Lehrzeit“ [ainda estamos na primeira aprendizagem]. Fragt sich, worauf sich diese Lehre bezieht, denn wir befinden uns im Dialog zwischen dem portugiesischen Filmregisseur António Lopes Ribeiro (1908-95) und einem ungenannten deutschen leitenden Kameramann oder „diretor de fotografia“. Es geht um die Dreharbeiten für den Propagandafilm A Revolução de Maio in den Straßen von Lissabon, die ausführlich in der zeitgenössischen Presse kommentiert werden.

Dabei erscheint der Deutsche, wie so oft in Saramagos Romanwerk seit Levantado do Chão (dt. unter dem Titel Hoffnung im Alentejo) in der Rolle des spezialisierten ‚Handlagers‘, der durch sein Tun und Wissen Portugal unterstützt, sei es Kreuzritter Heinrich aus Bonn bei der Belagerung von Lissabon, sei es der schwäbische Architekt Johann Friedrich Ludwig beim Bau des Klosters von Mafra. In wie weit wir hier Saramago ein spezifisches Bewußtsein zuschreiben können, versuchte Grossegesse (1995) zu zeigen. Dabei hat er allerdings den ungenannten Kameramanns in O ano da morte de Ricardo Reis zu erwähnen vergessen (1). Wird in den zitierten Sätzen die sprichwörtliche deutsche Zeit- und Lichtökonomie ironisch wachgerufen?

Wußte Saramago, dass es sich bei dem „diretor de fotografia“ um Willy Goldberger (oder nach anderen Angaben um den älteren Bruder Isy) handelte? – einem der so vielen Spezialisten mit jüdischem Stammbaum der deutschen Filmindustrie, die nach Hitlers Machtergreifung in die Emigration gezwungen wurden und sich in den Dienst der Filmindustrie anderer Länder stellten, ohne viele Fragen über das Regime der Gastgeber zu stellen. Dies wird mit seiner Leitung der Dreharbeiten zu dem Propagandafilm deutlich, der 1936 die zehn Jahre der ‚Nationalen Revolution‘ von 1926 feiern sollte, aber erst im Jahr darauf im Beisein Salazars im Tivoli feierlich der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Goldberger erhielt die Gratulationen Salazars und des ‚Propagandaministers‘ António Ferro, der unter Pseudonym am Drehbuch mitschrieb. Kurioserweise ist A Revolução de Maio der einzige Spielfilm (ohne Publikuserfolg), in dem Salazar selbst auftritt, dank der Inkorporierung von Dokumentarfilm-Material (insgesamt 14 Streifen), in diesem Falle einer Ansprache des Diktators vom Balkon des heutigen Museu Nogueira da Silva in der Avenida Central von Braga, damals so etwas wie eine ‚Hauptstadt der Bewegung‘ für das Regime.



In der Filmographie des erfahrenen Willy Goldberger (* 1898, Berlin), der von 1915 bis 1933 an die hundert (!) Spielfilme drehte und später die spanische Identität von Guillermo Goldberger annahm (2), erscheint A Revolução de Maio nicht, wohl aber 1938 A canção da terra, Os Fidalgos da Casa Mourisca und A rosa do Adro sowie 1939 Feitiço do império, ein weiterer aufwändiger Propagandafilm des Estado Novo wiederum unter der Regie von Lopes Ribeiro, der zuweilen (wenig schmeichelhaft...) ‚cineasta do regime‘ genannt wurde.
Warum es Willy Goldberger nach dem Sieg Francos im Bürgerkrieg vorzog, in den 40er und 50er Jahren in Spanien weiter zu arbeiten (Filmographie von über 20 Titeln) mag dahingestellt bleiben. Sein genaues Todesdatum ist unbekannt; er verschwindet 1970 im Madrider Melderegister; die Filmographie führt Goodbye Sevilla von 1955 als seine letzte Arbeit (zusammen mit seinem ebenfalls emigrierten, um sechs Jahre älteren Bruder Isidoro bzw. Isy Goldberger), vierzig Jahre nach seinem Debut mit dem Stummfilm Seifenblasen.

Das Schicksal der Brüder Goldberger steht stellvertretend für so viele der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden (siehe Weniger, 2011). Einige davon kamen mit portugiesischen Regisseuren wie zum Beispiel António Lopes Ribeiro in Kontakt und trugen damit zur Filmgeschichte Portugals bei. Diese Kooperation und Wissenstransfer bleibt zumeist vergessen oder lediglich Randerscheinung (siehe Costa, 1991). Erst im Buch von Murtinheira / Metzeltin (2010) erfährt sie eine erste Würdigung. Dabei gibt es Vorgeschichten dieser deutsch-portugiesischen Beziehungen – vor 1933 – , denen wir weitere Einträge widmen werden, beginnend bei der ‚deutschen Lehrzeit‘ von António Lopes Ribeiro, der 1936 sehr wohl mehr verstand (und sprach) als «Machen Sie bitte das Licht aus».

(1)   Lisboa, Caminho 1984, 368-69. Inzwischen ist Grossegesses Studie über die „memória cinematográfica“ in O ano da morte de Ricardo Reis (ausgehend von einer produktiven Rezeption von Mann / Visconti) erschienen. Sie geht zurück auf ein Seminar an der USP in São Paulo (22. August 2011).
(2)   Für das spanische Publikum drehte Goldberger vorwiegend schwülstige Melodramen und sentimentale Liebesgeschichten, aber auch einige wenige Komödien, sozial engagierte und patriotisch-militärische Stoffe.” (Weniger, 2011: 202)


Bibliographie

Costa, João Bénard da (1991), Histórias do Cinema. Lisboa, Imprensa Nacional – Casa da Moeda.

Grossegesse, Orlando (1995), “Das Deutsche und das Europäische im Werk José Saramagos”. In: Portugal und Deutschland auf dem Weg nach Europa, (orgs.) Marília dos Santos Lopes, Ulrich Knefelkamp e Peter Hanenberg. Pfaffenweiler, Centaurus, 221-231.

MurtinheiraAlcides / MetzeltinIgor (2010), Geschichte des portugiesischen KinosWien, Praesens Verlag.

Weniger, Kay (2011), Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben … Lexikon der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden 1933 bis 1945. Eine Gesamtübersicht. Hamburg, Acabus.


Samstag, Juli 07, 2012

Else Althausse - Linda-a-Pastora (2)

Erst durch Nachforschungen zu Hein Semke bin ich auf die Malerin Else Althausse (* 1898) gestossen, die bereits 1924 nach Linda-a-Pastora gekommen war und - noch ganz dem Jugendstil verpflichtet mit einem Hang zum Orientalischen und Kindlich-Naiven - als Illustratorin für die Zeitschrift ABC arbeitete.

Von ihrem Mann, Henrique Delgado Westenfeld (portugiesische Mutter / deutscher Vater) stammt eine dichte, eindringliche Beschreibung jener kulturellen Szene an der Peripherie, in der Deutsche, Portugiesen und Künstler anderer Herkunft aufeinander trafen.

Else Althausse Westenfeld starb bereits am 24. 2. 1936.

Hein Semke - von Hamburg nach Linda-a-Pastora

Am 25. Juni 1899 wurde Hein Semke in Hamburg geboren.
1929 kam er zum ersten Mal nach Lissabon. Ab 1932 liess er sich in einem damals kleinen und fast idyllischen Vorort der Metropole, Linda-a-Pastora, zwischen Queijas und Dafundo nieder, der als der Ort des portugiesischen Dichters Cesário Verde bekannt geworden ist.

Hingegen weitgehend vergessen ist, dass es dort zwischen 1924 und 1944 einen schillernden kulturellen, künstlerischen und literarischen Begegnungsort gab, in dem Semke ab 1932 neue Lebens- und Schaffenskraft fand nach seelischen und köperlichen Krisen.

Im Artikel des Lissaboner Fliesenmuseum (Museu Nacional de Azulejos) heisst es über das Haus von Hein Semke:

Esta casa de Linda-a-Pastora foi centro de convívio de intelectuais e artistas (nos anos 30: Almada Negreiros, Sarah Afonso, Mário Eloy, Luís de Montalvor, Carlos Parreira, João Gaspar Simões, Manuel da Silveira, António Varela, Jorge Segurado, Diogo de Macedo, o Dr. Oliveira Martins (médico dos artistas), Abel Manta e família, António Ferro, Maria Helena Vieira da Silva e Arpad Szènes; nos anos 40: Carlos Queiroz, Bernardo Marques, o casal Cunha Leão, Vitor Falcão, José Osório de Oliveira, Manuel Valadares, Manuel Mendes, Mário Chicó, Dário Mendes e Aquilino Ribeiro - companheiros do café a "Brasileira do Chiado").

Eine Bronzeskulptur von 1934 namens «Schmerz» (A dor) findet sich im Garten der Gulbenkian Stiftung:


Was den Kulturellen Verein der Deutschen Botschaft betrifft, kam es jedoch bald nach 1933 zu einem immer deutlicheren Bruch: 1935 wurden Semkes Skulpturen als “entartet” verfemt und das Mahnmal «Kameradschaft des Untergangs» durch NS-Anhänger der deutschen Kolonie zerstört.

Hierzu der (immer wieder) lesenswerte illustrierte Beitrag 

«Der Streit um die Skulpturen Hein Semkes im Ehrenhof der deutschen evangelischen Kirche in Lissabon»
von Christiane Tichy in der Portugal-Post (28 / 2004) der Portugiesisch-Hanseatischen Gesellschaft.

1936 nahm Semke am spanischen Bürgerkrieg teil.

1937 nach Linda-a-Pastora zurückgekehrt und bald in den 40er Jahren nach Lissabon umgezogen (Atelier und Wohnung), arbeitete er als Bildhauer, Keramiker, Maler.


1940 gehörte er zu denjenigen, die die Exposição do Mundo Português unter der Leitung von António Ferro mitgestalteten.

Zunehmend entfaltete er sich auch als Lyriker und Künstlerbuchgestalter. Die Identität des Dichters thematisiert die folgende Keramik von 1949, die an den Stil von José Régios Selbstillustrationen gemahnt:



Hein Semke war in zahlreichen Ausstellungen, hauptsächlich in Portugal vertreten. Seine wichtigsten Arbeiten in Lissabon sind im Garten der Gulbenkian-Stiftung, der deutschen evangelischen Kirche, Hotel Ritz, Rektorat der Klassischen Universität u.a..

Weitere Einzelheiten im Beitrag von Paulo Henriques (2005) [Museu do Chiado]

Semkes unschätzbaren Beitrags zur portugiesischen Kunst soll aus Anlass der Wiederkehr seines Geburtstags - auch wenn er in kein 'rundes' Jahr fällt - hiermit gedacht werden [dieser Blog-Eintrag ist die spätere Erweiterung eines ursprünglich spontanen Facebook-Eintrags in DEGE].

Samstag, Dezember 11, 2010

Alface ist nicht nur Kopfsalat... Zur Geschichte der Seife in Portugal (1)

In der deutschen Frauenzeitschrift Myself vom August 2010 heisst es: "Die Mandelöl-Seife Alface kommt aus der ältesten Seifenmanufaktur Portugals und macht die Haut samtweich". Vielleicht müsste es korrekterweise 'salatblattweich' heissen, aber das klingt ungewohnt in deutscher Werbesprache.

Was auch verborgen bleibt unter der fernen Herkunft aus Portugal ist der deutsche Ursprung des Unternehmens im Jahre 1887 durch Ferdinand Claus und Georg Philipp Schweder, die nach Porto auswanderten und dort die Fábrica de Productos Chimicos gründeten. Durch ihre Produktpalette von parfumierten Seifen mit kosmopolitischem Design konnten sie rasch expandieren gegenüber Produkten, die eher nutzorientiert waren. Ein besonderer Erfolg war auch das sogenannte «Papel Oriental». Krankheitsbedingt musste sich Georg Schweder 1903 zurückziehen. Für ihn kam der portugiesische Teilhaber Achilles de Brito in den Betrieb. Der diplomierte Chemiker Willy Thessen übernahm die technische Leitung.

Infolge der Konfrontation von Portugal und dem Deutschen Reich im Ersten Weltkrieg musste der deutsche Unternehmer Ferdinand Claus 1914 Portugal verlassen. Der Betrieb wurde vorübergehend geschlossen. 1918 wurde er von Achilles de Brito weitergeführt und in die Fabrica Ach.Brito & Cia. transformiert. Dabei wurde die eingeführte Marke Claus Porto beibehalten.





Im Estado Novo war Ach.Brito ein beliebter Vorzeigebetrieb auf Ausstellungen (1968: offizieller Besuch des Staatspräsidenten Admiral Américo Thomaz). Nach Jahren des Niedergangs und der Schwierigkeiten hat sich der Familienbetrieb seit der 'Rettung' 1994 durch den amerikanischen Konzern Lafco NY im Segment Luxusparfümerie international etabliert.



Somit lebt die Marke Claus Porto als portugiesische bis heute fort und kam somit u.a. auf die Seite der Frauenzeitschrift  Myself. Die Firmengeschichte, die seit Oktober 2010 im Site nachlesbar ist, deckt jedem Neugierigen die deutschen Wurzeln auf. *
Kurios eine weitere deutsche Intervention in der Unternehmensgeschichte: Heinrich Gleiser arbeitete als 4-Meter-hohe Attraktion für Ach.Brito auf der 1. Kolonialausstellung Portugals im Jahre 1934.




* Siehe ausserdem den Beitrag von Paulo Heitlinger: "O renascer do sabonete vintage em Portugal", Cadernos de Tipografia e Design, Nr. 11, September 2008, 15-19.

Gilberto: "Edle Seife aus Portugal erlebt ihr duftendes Comeback", Portugalmania, 23. Dezember 2007.

Sonntag, August 01, 2010

Der Hamburger Amália-Rodrigues-Weg

Vielfältig ist Portugiesisches Kulturerbe in die Hamburger Topographie eingeschrieben - seit den Zeiten der Hanse und später der Sefarditen, die hier eine neue Heimat fanden, bis hinein ins 20. Jahrhundert: z.B. das heute so beliebte Portugiesenviertel, das sein Gepräge portugiesischer Einwanderung v.a. der 1970er Jahre verdankt. Der Amália-Rodrigues-Weg, der auf Initiative der Portugiesisch-Hanseatischen Gesellschaft zurückgeht, ist ein neueres Element dieser Beziehung. Die Enthüllung der Gedenktafel und ein Konzert sind Ereignisse, die dem Ort neues Gedächtnis geben. Für denjenigen, der Ende August in Hamburg weilt und Fado mag:



Weitere Information zum Ereignis:
Bericht von Peter Koj in Portugiesisch-Hanseatische Gesellschaft.

Samstag, Juni 19, 2010

Hanna Schygulla erinnert an Lissabon «Hafen der Hoffnung»

Am 7. Juni 2010 las die deutsche Schauspielerin und Sängerin Hanna Schygulla im Gare Marítima da Rocha Conde de Óbidos Auszüge aus dem Roman Die Nacht von Lissabon von Erich Maria Remarque.

Die Stadt Lissabon war in den Jahren, die der Roman beschreibt, ein «Hafen der Hoffnung» für so viele Verfolgte, die es über vielerlei Grenzen hinweg geschafft hatten, bis an diesen Rand Europas zu gelangen. Die Metropole, die 1940 mit der Ausstellung der «Portugiesischen Welt» das Imperium zelebrierte, war allerdings keineswegs die Oase des Friedens und der Toleranz, als die Lissabon nun oft im Rückblick idealisiert wird.

Sie kamen zwar in eine Stadt ohne Bedrohung durch Luftangriffe, ohne Verdunkelung, und sie bekamen in der Regel genügend zu essen, doch die Verfolgung hörte nicht auf: der Estado Novo Salazars kollaborierte mit Nazi-Deutschland. Die NSDAP hatte ein gut funktionierendes Netz von Spitzeln und die Bürokratie des Estado Novo verstand es, die Verfolgten noch ein letztes Mal zu schröpfen, bevor sie sich - mit etwas Glück - nach Süd- oder Nordamerika einschiffen konnten.

Illustrative Dokumente zu der Gedenkveranstaltung finden sich auf der Kultur-Seite der Deutschen Botschaft Lissabon, auf Portugiesisch und Deutsch

Freitag, November 27, 2009

Die Verbindung Braga - Hamburg

Peter Kojs elektronischen Rundbrief zur Portugal-Post (schon die Nummer 46!) nehme ich zum Anlass, um endlich den Link zur Portugiesisch-Hanseatischen Gesellschaft in diesen Blog aufzunehmen. Das hatte ich schon lange vor.

Immer wieder schmökere ich in den Artikeln des gut sortierten Archivs der Portugal-Post, um Wissenswertes zu den Deutsch-Portugiesischen Beziehungen zu erfahren - man findet da so manchen interessanten Lebenslauf zwischen den Kulturen.

Die Beziehung der Bragenser Germanistik zur Hamburger Lusitanistik ist besonders dicht, was die Dozenten- und Studentenschaft betrifft. Das muss einmal gesagt werden. Natürlich in der Hoffung, dass so eine Erklärung auch diesen Blog weiter belebt. Ich erinnere nur an verschiedene frühere und jetzige Mestrado-Studenten mit Hamburger Lebens- und Studierhintergrund wie Claudia Breitbarth (Lektorin Braga), Sofia Unkart (Lektorin HH), Carina Eira und Gabriel Lourenço Silva, dem Initiator dieses Blogs.

Zu Eduardo Lourenço als Lektor an der Hamburger Universität habe ich schon in einem früheren Post geschrieben. Ich glaube, das letzte Mal war ich selbst im Dezember 2007 zum Torga-Kolloquium dort.


Notiz am Rande des lusitanischen Hamburgs: am S-Bahnhof-Dammtor kann man sich echte natas schmecken lassen!





Die 1854 in Thüringen gebürtige Romanisitin Luise Ey gab nach ihrer Rückkehr aus Portugal von 1909 an in Hamburg Portugiesischunterricht. Zunächst am Kolonialinstitut, später an der frisch gegründeten Universität (1919 bis 1923). Sie hatte sich in Porto mit Carolina Michaëlis befreundet, der 1923 die Universität Hamburg die Ehrendoktorwürde verlieh. Leider hatte ich jetzt keine Zeit, zum Kolloquium zu Carolina Michaëlis und Joaquim Vasconcelos (19. bis 21. November) nach Porto zu fahren.

Spätestens zum 2. Intensivseminar des MneGIC-Projekts im Mai 2010 werden Dozenten und Studenten aus Hamburg und Braga wieder ausgiebig ins Gespräch kommen - diesmal im sonnigen Salerno, dort wo die Zitronen blühn...

Mittwoch, Februar 11, 2009

Eduardo Lourenço in Hamburg und Heidelberg

1993
fand in Hamburg der vierte Kongress der Associação Internacional de Lusitanistas (AIL) statt, vor allem dank der Initiative von Fátima Brauer-Figueiredo. Daran kann ich mich so genau erinnern, als ob es gestern gewesen wäre.

Unvergeßlich, dass ich Eduardo Lourenço als presidente da mesa hatte. Seine Worte für meinen Beitrag zur „propensão dialógica na obra queirosiana“ - schmeichelhaft. Indirektes Eigenlob beiseite, bleibt auch der Festakt denkwürdig, der Lourenços 70. Geburtstag an seinem einstigen ‚Arbeitsplatz’ als Lektor, den er 40 Jahre zuvor angetreten hatte, feierte: Eugénio Lisboa konnte nicht die trockenen Worte von Prof. Rainer Hess, des ersten Präsidenten des Deutschen Lusitanistenverbandes (DLV), der soeben aus der Taufe gehoben werden sollte, so im Hörsaal verhallen lassen: Er erhob sich unter den Zuschauern, trat ans Rednerpult und sagte, dass eine so zentrale Figur des portugiesischen Geisteslebens wie Eduardo Lourenço eine andere Präsentation verdiente. Die Klischees von deutscher Steifheit und portugiesischer Herzlichkeit wurden mal wieder bestätigt...

2003
schrieb José Carlos de Vasconcelos am Vorabend des 80.Geburtstages von Eduardo Lourenço an seinem Wohnort Vence eine Mischung aus Reportage und Interview (veröffentlicht in Visão). Den Text kann man auf der Webpage von Arlindo Correia unter der Rubrik Autores nachlesen. Dort heißt es:

1953

Lourenço vai, em 1953, para a Universidade de Hamburgo, como leitor: «Se alguma vez a palavra exílio, ou auto-exílio, teve um significado para mim foi nesse primeiro ano na Alemanha e numa terra onde às três ou quatro da tarde deixava de haver sol.» Em 1954, passa para Heidelberg, depois para Montpellier (…)


Auch wenn es ihm nach Montpellier (1956) im sonnigen Brasilien (Baia) besser gefällt («Estava fascinado, mas a situação em relação à Filosofia era decepcionante»), zieht es ihn wieder zurück nach Europa.

Hamburg: Kein Sonnenlicht mehr um drei Uhr Nachmittags. Das wird wohl nicht jeden Tag so gewesen sein. Doch fördert die Dunkelheit sicher die Lektüre der Philosophie. Frage: Gibt es denn keine Studie über diese knappen zwei Lehrjahre in deutschen Landen?

In Miguel Reals Studie von 2003 zu den Lehrjahren 1945 bis 1958 lassen sich für den aufmerksamen Leser Rückschlüsse ziehen in bezug auf den Beitrag deutscher Philosophie zur Entstehung des Tragischen und des «irrealismo histórico» als «definidor do ser português».

Real hebt hervor, dass bereits in Heterodoxia I (1949) neben der Kant-Lektüre die Kreuzung von Leibniz und Hegel die Genealogie von Lourenços Denkens prägte (51-52). Dabei wird der Einfluss der Studien von Joaquim de Carvalho (u.a.: „Leibniz e a cultura portuguesa“, 1949) in Erwägung gezogen.

Ausgespart bleibt hingegen eine Konkretisierung der Verbindung von Literatur und Philosophie, die Eduardo Lourenços Essayismus auszeichnet. So spürt Paulo Borges in seinem Beitrag zum Lourenço-Kongress von 2008 der Rezeptionsbeziehung Hölderlin / Heidegger in Hinblick auf die Definition der Saudade nach.

Miguel Real (2003), Eduardo Lourenço. Os anos da Formação 1945-1958, Lisboa: Imprensa Nacional – Casa da Moeda.

Paulo Borges (2008), „Do Labirinto da Saudade ao Fio de Ariadne do Instante“ (www.eduardolourenco.com/6_oradores/oradores_PDF/Paulo_Borges.pdf)

Sonntag, September 30, 2007

Der millionste Gastarbeiter


Recentemente encontrei este website numa pesquisa que fazia a propósito de um assunto completamente diferente. Achei-o interessante por vários motivos e deixei-o na lista dos marcadores do browser de internet, meio esquecido.
No site há uma série de documentos acerca do acontecimento; há notícias, entrevistas e biografia do trabalhador português que recebeu uma "Moped".