Samstag, Juli 07, 2012

Hein Semke - von Hamburg nach Linda-a-Pastora

Am 25. Juni 1899 wurde Hein Semke in Hamburg geboren.
1929 kam er zum ersten Mal nach Lissabon. Ab 1932 liess er sich in einem damals kleinen und fast idyllischen Vorort der Metropole, Linda-a-Pastora, zwischen Queijas und Dafundo nieder, der als der Ort des portugiesischen Dichters Cesário Verde bekannt geworden ist.

Hingegen weitgehend vergessen ist, dass es dort zwischen 1924 und 1944 einen schillernden kulturellen, künstlerischen und literarischen Begegnungsort gab, in dem Semke ab 1932 neue Lebens- und Schaffenskraft fand nach seelischen und köperlichen Krisen.

Im Artikel des Lissaboner Fliesenmuseum (Museu Nacional de Azulejos) heisst es über das Haus von Hein Semke:

Esta casa de Linda-a-Pastora foi centro de convívio de intelectuais e artistas (nos anos 30: Almada Negreiros, Sarah Afonso, Mário Eloy, Luís de Montalvor, Carlos Parreira, João Gaspar Simões, Manuel da Silveira, António Varela, Jorge Segurado, Diogo de Macedo, o Dr. Oliveira Martins (médico dos artistas), Abel Manta e família, António Ferro, Maria Helena Vieira da Silva e Arpad Szènes; nos anos 40: Carlos Queiroz, Bernardo Marques, o casal Cunha Leão, Vitor Falcão, José Osório de Oliveira, Manuel Valadares, Manuel Mendes, Mário Chicó, Dário Mendes e Aquilino Ribeiro - companheiros do café a "Brasileira do Chiado").

Eine Bronzeskulptur von 1934 namens «Schmerz» (A dor) findet sich im Garten der Gulbenkian Stiftung:


Was den Kulturellen Verein der Deutschen Botschaft betrifft, kam es jedoch bald nach 1933 zu einem immer deutlicheren Bruch: 1935 wurden Semkes Skulpturen als “entartet” verfemt und das Mahnmal «Kameradschaft des Untergangs» durch NS-Anhänger der deutschen Kolonie zerstört.

Hierzu der (immer wieder) lesenswerte illustrierte Beitrag 

«Der Streit um die Skulpturen Hein Semkes im Ehrenhof der deutschen evangelischen Kirche in Lissabon»
von Christiane Tichy in der Portugal-Post (28 / 2004) der Portugiesisch-Hanseatischen Gesellschaft.

1936 nahm Semke am spanischen Bürgerkrieg teil.

1937 nach Linda-a-Pastora zurückgekehrt und bald in den 40er Jahren nach Lissabon umgezogen (Atelier und Wohnung), arbeitete er als Bildhauer, Keramiker, Maler.


1940 gehörte er zu denjenigen, die die Exposição do Mundo Português unter der Leitung von António Ferro mitgestalteten.

Zunehmend entfaltete er sich auch als Lyriker und Künstlerbuchgestalter. Die Identität des Dichters thematisiert die folgende Keramik von 1949, die an den Stil von José Régios Selbstillustrationen gemahnt:



Hein Semke war in zahlreichen Ausstellungen, hauptsächlich in Portugal vertreten. Seine wichtigsten Arbeiten in Lissabon sind im Garten der Gulbenkian-Stiftung, der deutschen evangelischen Kirche, Hotel Ritz, Rektorat der Klassischen Universität u.a..

Weitere Einzelheiten im Beitrag von Paulo Henriques (2005) [Museu do Chiado]

Semkes unschätzbaren Beitrags zur portugiesischen Kunst soll aus Anlass der Wiederkehr seines Geburtstags - auch wenn er in kein 'rundes' Jahr fällt - hiermit gedacht werden [dieser Blog-Eintrag ist die spätere Erweiterung eines ursprünglich spontanen Facebook-Eintrags in DEGE].

Sonntag, März 04, 2012

Mehr Licht (1985)


The title of this work, which translates as ‘more light’, is taken
from Goethe’s dying words. It belongs to a series of collages made between 1981
and 1986, which Julião Sarmento (* 1948) assembled from disparate painted and drawn fragments.
Here he uses both invented imagery and photographs, many of which derive from
blurred photographs he found in newspapers. Characteristically, Sarmento intends
the main image to be ambivalent. ‘A man holding a woman’s neck can be anything’,
he has said. ‘It can be a tender gesture. It can be a violent gesture.’

Mittwoch, März 23, 2011

Der Schosshund

Bereits 2009 war die Rede von Durão Barroso als der Schosshund («caniche») von Angela Merkel, als es um seine Wiederwahl als Präsident der Europäischen Gemeinschaft ging. Ein Hetzartikel gegen Durão Barroso von Wolfgang Münchau, dem in der portugiesischen Kommentierung chauvinistische und eurozentristische Motivationen unterstellt wurden, war der Ausgangspunkt. Dieses Bild verfolgt Durão Barroso bis heute, wie ein Kommentar vom Januar 2011 beweist: «Durão Barroso wurde schon Schosshund der deutschen Kanzlerin genannt, aber heute ist er ein harter Knochen» (Jornal de Negócios). Der harte Durão hat die Identität des braven Hündchens an Sócrates abgegeben - wobei «das Frauchen» gleich bleibt. Nach PEC IV wird die Identifikation von Sócrates als Angela Merkels Schosshündchen immer populärer. Das Diário Económico vom 21. März 2011 illustriert die CGTP-Grossdemo vom Samstag, den 19.März, mit Arbeiterinnen, die ein Schild hochhalten, auf dem Sócrates nicht ein Wolf im Schafspelz sondern im Hundefell ist und sich in die Arme von Angela Merkel kuschelt: «O mentiroso caniche da Srª. Merkel. O Governo ao serviço do imperialismo alemão». Lügenhaftigkeit und Unterwürfigkeit auf der einen Seite, das Gespenst eines (Wirschafts-)Imperialismus auf der anderen Seite - das ist ein Klischee-Repertorium, das schon in der vielzitierten Krise von 1890 gut funktionierte - damals war Grossbritannien in der Machtrolle.

Samstag, März 05, 2011

Vom «Ultimatum Britânico» zum «Deutschen Ultimatum»

Als am Morgen des 11. Januar 1890 das «Britische Ultimatum» erfolgte, berief sich die portugiesische Regierung auf vier Jahrhunderte Entdeckungsgeschichte, auf manuelinische «padrões» an Afrikas Küsten - um so den Opferdiskurs zu inszenieren und den Aufstand des Volkes auf eine patriotische Bewegung einzudämmen. 120 Jahre später spricht Sócrates in Berlin von acht Jahrhunderten der Geschichte Portugals:

o meu país tem oito séculos de história, não é subserviente com ninguém, a não ser com o seu povo e com o que o povo tem a dizer.

Sócrates als «erster Diener im Staat» ganz in der Tradition des aufgeklärten Absolutismus (pardon: des demokratischen Republikanismus).
Wen wunderts da, wenn das Editorial des Diário Económico vom 3.März 2011 unter dem Titel Merkel deve passar das palavras aos actos tönt:

Portugal está a fazer o seu trabalho - "bem" segundo a chanceler. É preciso que a Alemanha também faça o seu.

Dies ist also der richtige Moment für eine Ode à Alemanha, wie damals der Ode à Inglaterra. Sócrates weiss, dass er auf dieses tapfere Volk zählen kann, das sich von ihm an der Nase herumführen lässt, solange er das patriotische Lied flötet.

Samstag, Januar 08, 2011

Sabão alemão / Sabão Offenbach - Zur Geschichte der Seife in Portugal (2)


Bis heute hat sich die Bezeichnung «Sabão Alemão» oder «Sabão Offenbach» für traditionell hergestellte Seife erhalten - zumindest unter der älteren Generation. Weniger bekannt ist, woher dieser Name kommt. Nicht etwa Jacques Offenbach, der Komponist von Operetten, die auch in Lissabon populär wurden, hat damit zu tun, sondern die Stadt Offenbach, aus der die Seifen Mitte des 19. Jahrhunderts in ganz Europa exportiert wurden - so auch nach Portugal. Es handelt sich konkret um die von Johann Martin Kappus 1848 gegründete «Feinseifen- und Parfümeriefabrik Kappus», die noch bis heute als Familienbetrieb in der fünften Generation existiert.

Laut der portugiesischen Wikipedia wird «Sabão Offenbach» seit 1850 in Portugal produziert. Der Artikel definiert sie als «sabão português» national. Dort gibt es keine Erklärung des Namens. Bleibt zu klären, wo die erste Seifensiederei in Portugal eingerichtet wurde und wie der Wissenstransfer von Offenbach so rasch nach Portugal zustande kam.

In die Irre führt die synonyme Behandlung von «Sabão Macaco» in der englischsprachigen Wikipedia, da dies auf eine spätere Einführung der «monkey soap» zurückgeht. Diese wurde erst 1899 in den USA und England auf den Markt gebracht und erschien (wann?) in Portugal unter anderem als «Sabão Tarzam», wie Ana Marques Pereira (2010) in einem illustrativen Beitrag ihres Blogs Garfadas on-line nachweist.

Dieser Verwirrung ist es auch zu verdanken, dass die Firma Serrote im April 2013 die limitierte Auflage eines Notizheftes in Retro-Branding Caderno Azul & Branco OFFENBACH - MACACO produzierte. Kurioserweise gibt es eine partielle Homophonie der deutschen Wörter: Offenb... - Affe (Pl.: Affen).


Kehren wir zurück zur echten «Sabão Offenbach»: Wer hat sie 1850 in Portugal eingeführt? Soviel steht fest: Im Jahre 1894 wurde von Rosalvo da Silva Almeida und Manuel dos Santos Pereira in Braga eine Siederei gegründet, die sich auf die Produktion von "sabão do tipo offenbach" spezialisierte. Sie sollte zum Massenprodukt des Betriebes werden, der unter dem Namen Confiança nationale und sogar internationale Bekanntheit erlangte.
Auf glorreiche Zeiten der Expansion, als Confiança ganz Portugal und seine damaligen Kolonien belieferte und 1928 die Produktpalette auf 150 parfümierte Seifen, Puder, Cremes, Lotionen usw. erweiterte, folgte nach dem letzten Modernisierungsschub der Achtziger des 20. Jahrhunderts der Niedergang des Betriebes und die Einstellung im Jahre 2005.

Die Marke Confiança wurde 2009 vom ehemaligen Konkurrenten Ach Brito aufgekauft, der kurioserweise auch deutsch-portugiesische Verbindungen in seiner  Entstehung aufweist, wie wir dies bereits im 1. Kapitel «Zur Geschichte der Seife in Portugal» ausgeführt haben.
Offenbach rosa und Offenbach azul finden sich weiterhin in der Produktpalette des Konzerns. Und Aquiles Brito tritt allen Besorgnissen entgegen, das gute Stück Seife könnte verschwinden:
“(...) o produto estrela, o que lhe traz mais vendas, é o Sabão Offenbach, cor rosa para as vendas a norte e azul para as vendas a sul. Não tenho qualquer explicação do porquê, o mercado é mesmo assim” (Aquiles Brito in Luísa Pinto, 2016)

(Beitrag aktualisiert nach der Lektüre des Artikels von Luísa Pinto (2016), "O que a alfazema e o sabão têm a ver com isto?", Público, 05.03.2016)

Freitag, Dezember 17, 2010

1939 deutsches Fernsehen in Rio de Janeiro

Hierzulande wenig bekannt ist die Rolle des Fernsehens in der Auslandspropaganda des NS-Regimes nach der Fernsehübertragung der Olympischen Spiele von 1936 in Berlin, was als erstes Public Viewing Event bezeichnet werden kann (Joseph Hoppe), obwohl die Bild- und Tonqualität natürlich sehr bescheiden war.

Nachdem das von Hans Pressler (Direktor der Forschungsstelle der Reichspost) geleitete deutsche Team in Buenos Aires beim Weltposttag den Telefunken-Empfänger FE 7 vorgeführt hatte, gab es am 2. Juni 1939 zum ersten Mal in Brasilien einen experimentellen Fernsehbetrieb, der am folgenden Tag dem Präsidenten Getúlio Vargas und einer Reihe von Ministern präsentiert wurde. Bestandteil war die Direktübertragung einer Musikveranstaltung, u.a. mit dem Duo Preto e Branco, Herivelto Martins und Nino Chagas, zusammen mit der Solistin Dalva de Oliveira (Bild) - so eine SchwarzWeiss-Mischung hatte sicher nicht Hitlers Segen.

Am Sonntagnachmittag des 4.Juni und für die Dauer von zwei Wochen konnten dann die Bürger Rio de Janeiros auf der Funkausstellung erstmals die Flimmerkiste kennen lernen. Damals ahnte man noch nicht, dass es das brasilianische Medium der Telenovela werden sollte.

Angesichts dieser Fakten stellt sich die Frage, wie das Fernsehen in Portugal eingeführt wurde. Gab es auch hier eine Propaganda-Mission aus dem Deutschen Reich?

Áureo Busetto, "Em busca da caixa mágica: o Estado Novo e a televisão", Revista Brasileira História, vol. 27 (2007), nº 54, Associação Nacional de História: São Paulo, S. 177-196

António Sérgio Ribeiro, "As primeiras exibições da televisão no Brasil", Assembleia legislativa do Estado de São Paulo (ALESP), 17.09.2010

Samstag, Dezember 11, 2010

Nach Einführung des Honorarkonsuls in Porto: Botschafter besucht die Universidade do Minho

Im Post vom 21. Juni 2010 hatten wir die Schliessung des Generalkonsulats Porto bedauert. Mit einem Empfang am 28. Oktober 2010 führte Botschafter Helmut Elfenkämper den Honorarkonsul in Porto, Christian Carlos Bothmann, ein, der seit November seine Arbeit aufgenommen hat.

Am darauf folgenden 29. Oktober stattete Botschafter Elfenkämper zusammen mit dem ersten Sekretär Manfred Schüler der Universidade do Minho einen offiziellen Besuch ab.
Den Nachmittag füllte eine Rundreise zu verschiedenen Forschungszentren, die internationales Ansehen geniessen, angefangen mit der Gruppe 3 Bs (Biomateriais, Biodegradáveis, Biomiméticos) im Ave Park, danach im Campus de Azurém (Guimarães) die Abteilung für Robotforschung (Prof. Wolfram Erlhagen), das Zentrum für Computergraphik (CCG), das mit der TU Darmstadt in enger Partnerschaft steht, und abschliessend das Forschungszentrum für die Entwicklung von Kunststoffen (Polymerchemie - PIEP).
In Braga folgte nach einem kurzen Gespräch mit dem Rektor, Prof. António Cunha, am Abend der Festakt zum 20jährigen Bestehen der Germanistik an der Universidade do Minho (in memoriam Prof. Erwin Koller). Nach dem Abendessen rundete ein Liederabend mit Schuberts Winterreise den Besuch des Botschafters ab.

Alface ist nicht nur Kopfsalat... Zur Geschichte der Seife in Portugal (1)

In der deutschen Frauenzeitschrift Myself vom August 2010 heisst es: "Die Mandelöl-Seife Alface kommt aus der ältesten Seifenmanufaktur Portugals und macht die Haut samtweich". Vielleicht müsste es korrekterweise 'salatblattweich' heissen, aber das klingt ungewohnt in deutscher Werbesprache.

Was auch verborgen bleibt unter der fernen Herkunft aus Portugal ist der deutsche Ursprung des Unternehmens im Jahre 1887 durch Ferdinand Claus und Georg Philipp Schweder, die nach Porto auswanderten und dort die Fábrica de Productos Chimicos gründeten. Durch ihre Produktpalette von parfumierten Seifen mit kosmopolitischem Design konnten sie rasch expandieren gegenüber Produkten, die eher nutzorientiert waren. Ein besonderer Erfolg war auch das sogenannte «Papel Oriental». Krankheitsbedingt musste sich Georg Schweder 1903 zurückziehen. Für ihn kam der portugiesische Teilhaber Achilles de Brito in den Betrieb. Der diplomierte Chemiker Willy Thessen übernahm die technische Leitung.

Infolge der Konfrontation von Portugal und dem Deutschen Reich im Ersten Weltkrieg musste der deutsche Unternehmer Ferdinand Claus 1914 Portugal verlassen. Der Betrieb wurde vorübergehend geschlossen. 1918 wurde er von Achilles de Brito weitergeführt und in die Fabrica Ach.Brito & Cia. transformiert. Dabei wurde die eingeführte Marke Claus Porto beibehalten.





Im Estado Novo war Ach.Brito ein beliebter Vorzeigebetrieb auf Ausstellungen (1968: offizieller Besuch des Staatspräsidenten Admiral Américo Thomaz). Nach Jahren des Niedergangs und der Schwierigkeiten hat sich der Familienbetrieb seit der 'Rettung' 1994 durch den amerikanischen Konzern Lafco NY im Segment Luxusparfümerie international etabliert.



Somit lebt die Marke Claus Porto als portugiesische bis heute fort und kam somit u.a. auf die Seite der Frauenzeitschrift  Myself. Die Firmengeschichte, die seit Oktober 2010 im Site nachlesbar ist, deckt jedem Neugierigen die deutschen Wurzeln auf. *
Kurios eine weitere deutsche Intervention in der Unternehmensgeschichte: Heinrich Gleiser arbeitete als 4-Meter-hohe Attraktion für Ach.Brito auf der 1. Kolonialausstellung Portugals im Jahre 1934.




* Siehe ausserdem den Beitrag von Paulo Heitlinger: "O renascer do sabonete vintage em Portugal", Cadernos de Tipografia e Design, Nr. 11, September 2008, 15-19.

Gilberto: "Edle Seife aus Portugal erlebt ihr duftendes Comeback", Portugalmania, 23. Dezember 2007.

Dienstag, August 10, 2010

Wieder einmal: Der letzte Fado

In Portugal begegnet einem derzeit ein Bild der Trauer: "Vende-se" - "Zu verkaufen" steht an vielen der einst prächtigen Häuser geschrieben. Portugal steht zum Verkauf, und trösten kann da nur der Fado.

Wer einigermassen vertraut ist mit den Portugal-Bildern, die die deutschsprachige Presse spätestens seit dem Erdbeben von Lissabon 1755 über die Jahrhunderte und Jahrzehnte hinweg beharrlich verbreitet hat, wird Oliver Jungens fetzig runtergeschriebene Glosse vom 9. August 2010 (FAZ), die mit diesen zwei Sätzen unter dem Titel «Der letzte Fado» den Leser anlocken möchte, als einen Neuaufguss des Altbekannten gähnend beiseite legen: Klischee-Collage. Eine weitere Kostprobe gefällig?

[...], die Krise befeuert die herausragendste Kulturleistung des stolzen, kleinen Landes, nämlich die voller Inbrunst in den blauen Himmel geschmetterte Fundamentaldepression namens Fado. Was waren wir einst bedeutsam, singt man in noch mehr Variationen, als es Rezepte für den vertrockneten Bacalhau gibt. Dass die goldene Zeit mehr als ein halbes Jahrtausend zurückliegt, tut der Trauer keinen Abbruch. Man knabbert am Schicksal, wie man am Stockfisch knabbert: klagend zufrieden. Auch Christian [sic!] Ronaldo lieben die Portugiesen noch mehr, seit er keine Tore mehr schießt.

Vielleicht überbietet Oliver Jungen durch eine Spur mehr Zynismus seine Vorgänger. Aber das wird keine Krise bilateraler Beziehungen auslösen (vielleicht dann, wenn dasselbe in El País stehen würde...). Weiter geht's in der Ethnographie des heutigen Portugiesen:

Was hingegen tatsächlich faul ist, ist des Portugiesen klassische Behausung. Von Braga bis Faro überall dasselbe Bild: Die Orte zerfallen von den Zentren her. Die zehn Millionen Einwohner Portugals fliehen nach wie vor aus den Altstädten in trostlose Betonriegel, die seit den Siebzigern die Stadtränder verunstalten. Besonders die Wohnsilos von Lissabon und Porto besitzen höchste Anziehungskraft. Ein morbider Charme umgibt dagegen viele der teilweise noch aus dem sechzehnten und siebzehnten, vor allem aber aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert stammenden Ortskerne, die inzwischen durch ein erstklassiges, mit EU-Subventionen ausgebautes, aber die meiste Zeit geisterhaft leeres Autobahnnetz verbunden sind.

Der Tourist kann gut mit leeren Autobahnen, malerischen Ruinen und traurigem Fado leben: dieses Publikum hat die FAZ auf ihrer Seite; etwas anderes wäre es, den Normalportugiesen ernst zu nehmen, der jenseits des «letzten Fado» mit dem PEC (über-)leben muss. Das heisst nicht, dass Oliver Jungen mit seinen Blitz-Impressionen vollkommen falsch liegt: Leidensfähigkeit (und nicht etwa Sozialstaat oder Demokratie...) auf dem Prüfstand.
Fortsetzung folgt - garantiert.

Sonntag, August 01, 2010

Der Hamburger Amália-Rodrigues-Weg

Vielfältig ist Portugiesisches Kulturerbe in die Hamburger Topographie eingeschrieben - seit den Zeiten der Hanse und später der Sefarditen, die hier eine neue Heimat fanden, bis hinein ins 20. Jahrhundert: z.B. das heute so beliebte Portugiesenviertel, das sein Gepräge portugiesischer Einwanderung v.a. der 1970er Jahre verdankt. Der Amália-Rodrigues-Weg, der auf Initiative der Portugiesisch-Hanseatischen Gesellschaft zurückgeht, ist ein neueres Element dieser Beziehung. Die Enthüllung der Gedenktafel und ein Konzert sind Ereignisse, die dem Ort neues Gedächtnis geben. Für denjenigen, der Ende August in Hamburg weilt und Fado mag:



Weitere Information zum Ereignis:
Bericht von Peter Koj in Portugiesisch-Hanseatische Gesellschaft.

Samstag, Juli 31, 2010

Die neue REAL ist im Netz

Lange erwartet, endlich erschienen: REAL (Revista de Estudos Alemães), die neue Fachzeitschrift für die Germanisitik in Portugal im Internet-Format.

"REAL é um projecto conjunto das Universidades portuguesas onde existe a área da Germanística. Neste sentido, ela é propriedade das seguintes instituições: Universidade de Lisboa, Universidade Nova de Lisboa, Universidade Católica Portuguesa, Universidade Aberta, Universidade de Coimbra, Universidade de Aveiro, Universidade do Porto, Universidade do Minho e Universidade da Madeira. Inicialmente está sediada na Faculdade de Letras da Universidade de Lisboa, onde permanecerá nos próximos quatro anos, passando depois para uma das outras Universidades.
A REAL é a primeira revista de Estudos Alemães online em Portugal. Pretende dinamizar e agilizar a interacção entre os germanistas e todos os interessados na língua e nas culturas de expressão alemã, contribuindo para revitalizar este campo disciplinar." [Editorial]

Sonntag, Juli 11, 2010

Kafka in Portugal / Kafka em Portugal

Am 27.Juni 2010 wurde die Bibliographie «Kafka em Portugal» aktualisiert.

Trotz einiger Fehler in Titeln und Namen handelt es sich um eine gute informative Ausgangsbasis für alle, die sich mit der Rezeption von Kafka in Portugal beschäftigen wollen.

Die Liste ist aktueller als diejenige, die sich am Ende der Studie von Carlota Miranda Dias Pinto (IV Congresso da APLC, Évora, Mai 2001) befindet.

METAMORFOSES D’ A METAMORFOSE
CONTRIBUTO PARA A HISTÓRIA DA TRADUÇÃO DE DIE VERWANDLUNG, DE FRANZ
KAFKA, PARA PORTUGUÊS


In der Abteilung "Sobre Kafka" auch Angaben zu Studien und Kolloquien an portugiesischen Universitäten.

Interessant: Kafka in BD (Comic).
Mir scheint, dass Angaben über szenische Adaptierungen fehlen.

Bibliografia de e sobre Franz Kafka traduzida para português
.Livros publicados em Portugal

.De Kafka
.Sobre Kafka
.Links de textos em Português

Dienstag, Juli 06, 2010

Orte von Carolina Michaëlis und Joaquim de Vasconcelos



A exposição apresentada pelo Conselho Cultural da UMinho traz imagens dos principais lugares ligados à vida do casal Carolina Michaëlis e Joaquim de Vasconcelos, sobretudo no Porto, mas também Lisboa e Coimbra, recolhidas pelo fotógrafo Luís Neves.

É proposto ao visitante um breve percurso onde se cruzam lugares de hoje com memórias difusas do que foram esses espaços. Ruas, casas, recantos - uns públicos, outros mais recolhidos -, sítios que foram de viver e de trabalhar, de partida e de chegar, de estudo ou de lazer.

A presente exposição, organizada pela Câmara Municipal do Porto e concebida e coordenada pelo Dr. Luís Cabral, autor do texto do catálogo, tenta reconstituir através da fotografia de Luís Neves o percurso geográfico e de certo modo cultural de Carolina Michaëlis e Joaquim de Vasconcelos em Portugal, dando-nos a conhecer os lugares que marcaram mais significativamente as suas vidas no Porto e em Coimbra, com passagem por Lisboa. As casas, os estabelecimentos de ensino, as livrarias, as bibliotecas, as academias que os dois frequentavam permitem-nos conhecer um roteiro familiar e intelectual que nos dá oportunidade de melhor contextualizar os espaços onde se moveram e recuperar a sua memória, cujos livros e demais espólio perpetuam. A exposição fotográfica é completada por uma mostra bibliográfica organizada pela Biblioteca Pública de Braga onde se apresenta algumas das obras mais significativas do casal.

A exposição estará patente nos dias úteis, das 9h às 12h30 e 14h às 17h30, no Largo do Paço, Braga.

Interkulturelle Mnemo-Graphien

Anlässlich des 20-jährigen Bestehens germanistischer Studien(gänge) an der Universidade do Minho (UM) organisiert die Abteilung für Germanistik und Slawistik (DEGE) vom 25. - 26. Oktober 2010 in Braga (Nordportugal) ein internationales Kolloquium zum trandisziplinären Thema „Interkulturelle Mnemo-Graphien“.

Dabei wird der Begriff „Interkulturelle Mnemo-Graphie“ als komplexes Feld, in dem sich verschiedenste Phänomene und Dikurse transkultureller Begegnungen und entsprechender Darstellungen/Inszenierungen kreuzen, verstanden. Zur Kartographierung dieses transdiziplinären Topos gehören u.a. folgende Bereiche: Reise(literatur), Migration, Tourismus, Übersetzung, Bilinguismus, Erinnerungsorte, Stereotype, Imagologie, Post-Kolonialismus usw.

Vorschläge von kultur-, literatur- oder sprachwissenschaftlich ausgerichteten Beiträgen erbeten bis zum 15. Juli. Senden Sie uns Titel und Zusammenfassung per e-mail zu.

Die Vorträge auf Deutsch, Portugiesisch oder Englisch sind auf 30 Minuten beschränkt. Die Annahmebestätigung der vorgeschlagenen Beiträge wird bis zum 23. Juli erfolgen.
Die Teilnahme am Kolloqium ist gebührenfrei. Reise- und Unterhaltskosten können allerdings nicht vom Veranstalter getragen werden.

Organisation:
Prof. Dr. Mário Matos (Vorstand des DEGE,
matos@ilch.uminho.pt)
Prof. Dr. Orlando Grossegesse (Direktor des BabeliUM, Sprachenzentrum der UM;
ogro@ilch.uminho.pt)
Prof. Dr. Cristina Flores (Vize-Vorstand des DEGE;
cflores@ilch.uminho.pt)

Samstag, Juni 26, 2010

Portugals Museumslandschaft

Portugals Museumslandschaft beschränkt sich nicht auf Lissabon und Umgebung. Gerade kulturell Interessierte Nicht-Portugiesen haben dafür ein Gespür gegenüber den auf die Hauptstadt fixierten Kulturpolitiker und -manager Portugals.

Es gibt die unterschiedlichsten Museen zwischen Algarve und Minho, die einen Besuch lohnen. Dies stellt die Nummer 47 der Portugal Post / Correio luso-hanseático mit dem thematischen Schwerpunkt «Museus de Portugal» eindrucksvoll unter Beweis. Mitglieder und Freunde der Associação Luso-Hanseática schrieben über ihre Lieblingsmuseen, oft fernab von Metropolen und Autobahnen. Gerade diese Orte öffentlichen Interesses sind immer in Gefahr des Rotstiftes, der dort ansetzt, wo nicht viel Protest zu erwarten ist. Daher ist jeder Museumsbesuch ein kleiner Beitrag zur Erhaltung der vielfältigen Kulturlandschaft.

Donnerstag, Juni 24, 2010

Wassermusik und Feuerwerksmusik zum Ausklang

Concerto de Encerramento do Ano lectivo

GEORG FRIEDRICH HÄNDEL
Música Aquática
Música para os Reais Fogos de Artifício

Orquestra da Universidade do Minho
Toby Hoffman, direcção musical
3 de Julho às 21.30h
Salão Medieval da Reitoria da Universidade do Minho

Entrada livre
Apoio: Reitoria da Universidade do Minho

Als Freiluftmusiken sind die dreiteilige Water Music (Wassermusik), Suite für Bootsfahrten auf der Themse, sowie die Music for the Royal Fireworks (Feuerwerksmusik) von 1749 konzipiert. Letztere wurde anlässlich des am 7. Oktober 1748 geschlossenen Aachener Friedens von König George II in Auftrag gegeben und am 27. April 1749 im Londoner Green Park uraufgeführt. Im Vorfeld kam es wegen der Orchesterbesetzung zu Auseinandersetzungen zwischen dem König und Händel. Denn der König wollte ausschließlich „Militärinstrumente“ (Oboen, Fagotte, Hörner, Trompeten und Pauken) verwendet wissen. Händel dagegen bestand auf Mitwirkung von Streichinstrumenten. Wer sich von beiden letztendlich durchsetzte, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen: Tatsache bleibt, dass Händel seine Partitur ursprünglich für „Militärinstrumente“ konzipierte, jedoch später vermerkte, dass zusätzlich Streicher die Oboen- und Fagottstimmen zu verdoppeln hätten. Die öffentliche Probe der Feuerwerksmusik mit 100 Musikern vor 12 000 Zuhörern am 21. April in Vauxhall Gardens wurde ein großer Erfolg. Das eigentliche Ereignis dagegen, die offizielle Feierlichkeit am 27. April im Green Park, endete mit einem Desaster. Durch technisches Versagen des Feuerwerks fingen die eigens für das Feuerwerk zur Feier des Aachener Friedens errichteten Bauten und Dekorationen Feuer und brannten nieder. Einzig Händels Musik soll die Ehre dieses Tages gerettet haben. [Information Wikipedia]

Montag, Juni 21, 2010

Sang- und klanglos

"Zum 30.06.2010 wird das Konsulat Porto geschlossen. Die Übernahme konsularischer Aufgaben durch einen Honorarkonsul in Porto wird zurzeit vorbereitet."

Diese Worte auf der Seite der Deutschen Botschaft Lissabon informieren über das Ende des Generalkonsulats Porto.

Dieser diskrete Rückzug, der sich wohl aus der Einsparung öffentlicher Gelder erklärt, bestätigt andererseits die zentralistische Organisation Portugals.

Wir erinnern an dieser Stelle dankbar an all diejenigen, die über Jahrzehnte hinweg deutsch-portugiesische Initiativen in Nordportugal unterstützt haben.

Sonntag, Juni 20, 2010

«Der Vorleser» wieder im Kino


Wer die Verfilmung von Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser (1995) noch nicht gesehen hat - oder im Kino wieder sehen will, hat dazu bis Freitag im BragaShopping Gelegenheit (Kultfilm, 19h15).

Als der Film am 12.Februar 2009 in die portugiesischen Kinos kam, schrieb João Lopes einen kurzen Artikel im Diário de Notícias.

Buch und Film - beide Produkte sind umstritten unter dem Vorwurf der Verkitschung der Holocaust-Thematik. Um sich selbst ein Urteil zu bilden: lesen & sehen.

Deutschsprachiger Site.

Samstag, Juni 19, 2010

Hanna Schygulla erinnert an Lissabon «Hafen der Hoffnung»

Am 7. Juni 2010 las die deutsche Schauspielerin und Sängerin Hanna Schygulla im Gare Marítima da Rocha Conde de Óbidos Auszüge aus dem Roman Die Nacht von Lissabon von Erich Maria Remarque.

Die Stadt Lissabon war in den Jahren, die der Roman beschreibt, ein «Hafen der Hoffnung» für so viele Verfolgte, die es über vielerlei Grenzen hinweg geschafft hatten, bis an diesen Rand Europas zu gelangen. Die Metropole, die 1940 mit der Ausstellung der «Portugiesischen Welt» das Imperium zelebrierte, war allerdings keineswegs die Oase des Friedens und der Toleranz, als die Lissabon nun oft im Rückblick idealisiert wird.

Sie kamen zwar in eine Stadt ohne Bedrohung durch Luftangriffe, ohne Verdunkelung, und sie bekamen in der Regel genügend zu essen, doch die Verfolgung hörte nicht auf: der Estado Novo Salazars kollaborierte mit Nazi-Deutschland. Die NSDAP hatte ein gut funktionierendes Netz von Spitzeln und die Bürokratie des Estado Novo verstand es, die Verfolgten noch ein letztes Mal zu schröpfen, bevor sie sich - mit etwas Glück - nach Süd- oder Nordamerika einschiffen konnten.

Illustrative Dokumente zu der Gedenkveranstaltung finden sich auf der Kultur-Seite der Deutschen Botschaft Lissabon, auf Portugiesisch und Deutsch