Montag, Februar 16, 2009

Dem Wunder die Hand hinhalten

Selten haben mich Worte so sehr ergriffen wie diejenigen Hilde Domins. Sie waren in mir verschüttet und wurden mir wieder hingehalten durch die Rezension vom 7.Februar 2009 des Literaturkritikers José Mário Silva, der auch den bekannten Blog mit dem schönen Namen „Bibliotecário de Babel“ betreibt (bereits von der Deutschen Welle prämiert). Nebenbei habe ich dabei auch die Worte von Agustina Bessa-Luís über Hilde Domin kennengelernt, die ich nicht kannte (*), sowie die Kraft der Übersetzung von Maria José Peixoto Lieberwirth:

Em 1999, Agustina Bessa-Luís escreveu um texto intitulado Dominga, sobre um inverno passado em Heidelberg, na casa de uma escritora nonagenária, «que estivera a maior parte da vida no exílio» (República Dominicana) e se mantinha «extremamente lúcida», com os seus «olhos azuis de uma beleza ofuscante».
Essa mulher extraordinária e ingrata, fora do tempo, imersa na memória da devoção por Saint-Exupéry, era Hilde Domin (1909-2006) – uma singularíssima poeta alemã que o crítico Marcel Reich-Ranicki colocou fora das duas grandes correntes da poesia germânica: a «solene, sacerdotal, sacra» (de Hölderlin a Paul Celan) e a «profana e racional» (de Schiller a Brecht).
Nesta antologia, organizada e traduzida por Maria José Peixoto Lieberwirth, embora nalguns dos versos transpareça aquilo que se tornou a imagem de marca de Domin – uma escrita de protesto, de «revolta e rebelião» contra a indiferença e o conformismo; poesia de raiz judaica mas «fora de toda a regra» –, o que sobressai é o ímpeto lírico que modula a sua voz:

Tem de se conter a respiração
até que o vento amaine
e o ar desconhecido nos comece a envolver,
até que o jogo de luz e sombra,
de verde e azul,
nos mostre as estruturas antigas
e estamos em casa,
seja onde for.

Em 2006, Agustina escreve novamente sobre Domin, a propósito da sua «morte elegante»: colapso no meio da rua, depois de adquirir um par de luvas (esse «trabalho poético»). A escritora portuguesa gaba-lhe quer a «imensa força e lucidez» quer o facto de reservar, para ela própria, «um dedo de paixão, como um dedo de bebida espirituosa». E é difícil não concordar com Agustina quando deparamos com estrofes como esta:

Eu não forcei ninguém para a luz
só palavras
palavras não voltam a cabeça
elas levantam-se
imediatamente
e vão-se.

Estende a mão ao milagre
Dem Wunder die Hand hinhalten

Tradução: Maria José Peixoto Lieberwirth
Editora: Cosmorama, 2008.

P.D.: Am 27.Juli dieses Jahres kann Hilde Domins 100. Geburtstag gefeiert werden.

(*) Nachtrag: Inzwischen habe ich den Text Dominga in der zweisprachigen Ausgabe (Neuauflage Cosmorama, 2008) portugiesisch / deutsch (Übersetzung Klaus-Dieter Lieberwirth) kennen gelernt.

Mittwoch, Februar 11, 2009

Eduardo Lourenço in Hamburg und Heidelberg

1993
fand in Hamburg der vierte Kongress der Associação Internacional de Lusitanistas (AIL) statt, vor allem dank der Initiative von Fátima Brauer-Figueiredo. Daran kann ich mich so genau erinnern, als ob es gestern gewesen wäre.

Unvergeßlich, dass ich Eduardo Lourenço als presidente da mesa hatte. Seine Worte für meinen Beitrag zur „propensão dialógica na obra queirosiana“ - schmeichelhaft. Indirektes Eigenlob beiseite, bleibt auch der Festakt denkwürdig, der Lourenços 70. Geburtstag an seinem einstigen ‚Arbeitsplatz’ als Lektor, den er 40 Jahre zuvor angetreten hatte, feierte: Eugénio Lisboa konnte nicht die trockenen Worte von Prof. Rainer Hess, des ersten Präsidenten des Deutschen Lusitanistenverbandes (DLV), der soeben aus der Taufe gehoben werden sollte, so im Hörsaal verhallen lassen: Er erhob sich unter den Zuschauern, trat ans Rednerpult und sagte, dass eine so zentrale Figur des portugiesischen Geisteslebens wie Eduardo Lourenço eine andere Präsentation verdiente. Die Klischees von deutscher Steifheit und portugiesischer Herzlichkeit wurden mal wieder bestätigt...

2003
schrieb José Carlos de Vasconcelos am Vorabend des 80.Geburtstages von Eduardo Lourenço an seinem Wohnort Vence eine Mischung aus Reportage und Interview (veröffentlicht in Visão). Den Text kann man auf der Webpage von Arlindo Correia unter der Rubrik Autores nachlesen. Dort heißt es:

1953

Lourenço vai, em 1953, para a Universidade de Hamburgo, como leitor: «Se alguma vez a palavra exílio, ou auto-exílio, teve um significado para mim foi nesse primeiro ano na Alemanha e numa terra onde às três ou quatro da tarde deixava de haver sol.» Em 1954, passa para Heidelberg, depois para Montpellier (…)


Auch wenn es ihm nach Montpellier (1956) im sonnigen Brasilien (Baia) besser gefällt («Estava fascinado, mas a situação em relação à Filosofia era decepcionante»), zieht es ihn wieder zurück nach Europa.

Hamburg: Kein Sonnenlicht mehr um drei Uhr Nachmittags. Das wird wohl nicht jeden Tag so gewesen sein. Doch fördert die Dunkelheit sicher die Lektüre der Philosophie. Frage: Gibt es denn keine Studie über diese knappen zwei Lehrjahre in deutschen Landen?

In Miguel Reals Studie von 2003 zu den Lehrjahren 1945 bis 1958 lassen sich für den aufmerksamen Leser Rückschlüsse ziehen in bezug auf den Beitrag deutscher Philosophie zur Entstehung des Tragischen und des «irrealismo histórico» als «definidor do ser português».

Real hebt hervor, dass bereits in Heterodoxia I (1949) neben der Kant-Lektüre die Kreuzung von Leibniz und Hegel die Genealogie von Lourenços Denkens prägte (51-52). Dabei wird der Einfluss der Studien von Joaquim de Carvalho (u.a.: „Leibniz e a cultura portuguesa“, 1949) in Erwägung gezogen.

Ausgespart bleibt hingegen eine Konkretisierung der Verbindung von Literatur und Philosophie, die Eduardo Lourenços Essayismus auszeichnet. So spürt Paulo Borges in seinem Beitrag zum Lourenço-Kongress von 2008 der Rezeptionsbeziehung Hölderlin / Heidegger in Hinblick auf die Definition der Saudade nach.

Miguel Real (2003), Eduardo Lourenço. Os anos da Formação 1945-1958, Lisboa: Imprensa Nacional – Casa da Moeda.

Paulo Borges (2008), „Do Labirinto da Saudade ao Fio de Ariadne do Instante“ (www.eduardolourenco.com/6_oradores/oradores_PDF/Paulo_Borges.pdf)

Freitag, Februar 06, 2009

Reisetagebuch: zeichnen statt schreiben

Man kann auf Reisen auch zeichnen statt schreiben.

Zu diesen 'Reisetagebuchzeichnern' gehört Eduardo Salavisa, der am 4.Februar im EstudioUM der Escola de Arquitectura (Azurém / Guimarães) sein Buch vorgestellt hat

Diários de Viagem - Desenhos do Quotidiano

Quimera Editores


Eines von den Heften gibt auch Ansichten von Berlin.
Kostprobe: Das Holocaust-Denkmal mit dem Brandenburger Tor im Hintergrund.







Daneben ist auch Eduardo Salavisas Site sehenswert:

http://www.diariografico.com/

Donnerstag, Februar 05, 2009

Portugal fehlt in Schäfers Studie

Hans Dieter Schäfer, Das gespaltene Bewußtsein. Über deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit 1933 bis 1945. München: Hanser, 1981, 254 Seiten (3. Auflage 1983)



In seinem gut strukturierten Leserkommentar zu Schäfers Buch fragt Herbert Huber* nach Vollständigkeit, was das Panorama betrifft. Natürlich gibt es die nicht in dieser Samlung von Studien, die ursprünglich zwischen 1973 und 1979 erschienen sind.

Die Kaschnitz ist dabei, doch der Italien-Bezug von Liebe beginnt (1933) wird nicht thematisiert (26). Wohl aber an anderer Stelle der Boom der mit dem Reisen (und ihrer Popularisierung) verbundenen Literatur, der schon in den 20er Jahren beginnt**:

„Die Vorliebe der jungen Generation für die Kleinteiligkeit führte zu einer Wiederbelebung des Reisebildes, das im Laufe der dreissiger Jahre durch Tagebuchformen zusätzlich mit Wirklichkeitsnähe angereichert wurde. (...). Der Höhepunkt des Genres fällt in den Zweiten Weltkrieg. Kriegsbericht und Reisetagebuch vermischten sich.“ (35).

Unter den Beispielen finden wir neben Max Frisch und Ernst Jünger auch Erhart Kästners Griechenland. Ein Buch aus dem Kriege (1943), ohne dass Traditionen – wie in diesem Fall der Philhellenismus und konkret das Vorbild Griechischer Frühling (1908) von Gerhart Hauptmann Erwähnung fänden. Die Attraktivität Griechenlands in einer Zeit erneuter Hinwendung zu antiken Stoffen (24-25), die dem Wunsch „sich von der Zeit und ihren Schrecken zu distanzieren und sich in eine andere Welt zurückzusehnen“ (25) entspricht, liegt auf der Hand.

In diesem Zusammenhang wäre auch ein Hinweis auf die Attraktivität Portugals angebracht gewesen, angefangen bei Portugal. Ein Reisetagebuch (1931) von Reinhold Schneider, das in gewisser Weise als Modell gelten kann.

Es folgen Neues Portugal. Bildnis eines alten Landes (1937) von Friedrich Sieburg und Delfina oder Die gute alte Zeit. Portugiesischer Bilderbogen (1942) von Irene Seligo. Beide Autoren sind Korrespondenten der Frankfurter Zeitung.

Ist Sieburg stärker der NS-Ideologie verpflichtet, durchsetzt von Antike-Bezügen (Odysseus), 'Germanismen' (Goethes Mignon-Lied und Eichendorffs "Sehnsucht" gegenüber der portugiesischen saudade) und mehr oder weniger klaren Anleihen bei Schneider (bis hin zu Plagiat, wie Alfred Opitz konstatiert***), so bietet Irene Seligo im Zeichen der immer dichteren Kriegsgrauen der Ostfront kriegsferne, im traditionellen Rollenverständnis ‚weiblich-heilende‘ Reisebilder vom ‚anderen Ende der Welt‘. Portugal in Therapie-Funktion – das sollte auch später weiter wirken.

Gibt es noch mehr vergleichbare Reisebilder aus der Zeit der 30er und 40er Jahre?

* Im Web-Site von Herbert Huber aus Wasserburg am Inn (www.gavagai.de) findet man unter der alphabetisch nach Autorennamen geordnete Rubrik „Rezensionen politischer (und verwandter) Bücher“, die im Menu Politik und Diskussion versteckt ist, Besprechungen von vielen interessanten Büchern, teilweise vernetzt.

** siehe hierzu auch Peter J. Brenner (1997), „Schwierige Reisen. Wandlungen des Reiseberichts in Deutschland 1918-1945“, in: id. (org.), Reisekultur in Deutschland: von der Weimarer Republik zum «Dritten Reich», Tübingen: Niemeyer, S. 127-176.
Dabei nimmt Brenner wiederholt auf die Studie von Johannes Graf bezug, die "stellvertretend an der Reise nach Italien die Funktionalisierung der Reiseliteratur durch die Tourismusindustrie und die NS-Propaganda" aufzeigt. Das faschistische Italien wird "als Projektionsfläche eines neuen Klassizismus, einer Verbindung von Tradition und Moderne, bestimmt, mit der die «junge Generation» einer Selbsttäuschung in bezug auf die Gefahren des Nationalsozialismus erlag" (Klappentext).
Johannes Graf (1995), «Die notwendige Reise». Reisen und Reiseliteratur junger Autoren während des Nationalsozialismus, Stuttgart: M & P Verlag für Wissenschaft und Forschung [Diss. 1994].

*** Opitz, Alfred (1990), «Friedrich von Sieburg: Estado Novo e Velho Portugal – um duplo retrato», in: Aspectos da História Luso-Alemã, (eds.) A. Gama Xavier e António C. Franco, Lisboa: Ass. Luso-Alemã para a Ciência e Cultura, S. 103-110.