Samstag, Juni 26, 2010

Portugals Museumslandschaft

Portugals Museumslandschaft beschränkt sich nicht auf Lissabon und Umgebung. Gerade kulturell Interessierte Nicht-Portugiesen haben dafür ein Gespür gegenüber den auf die Hauptstadt fixierten Kulturpolitiker und -manager Portugals.

Es gibt die unterschiedlichsten Museen zwischen Algarve und Minho, die einen Besuch lohnen. Dies stellt die Nummer 47 der Portugal Post / Correio luso-hanseático mit dem thematischen Schwerpunkt «Museus de Portugal» eindrucksvoll unter Beweis. Mitglieder und Freunde der Associação Luso-Hanseática schrieben über ihre Lieblingsmuseen, oft fernab von Metropolen und Autobahnen. Gerade diese Orte öffentlichen Interesses sind immer in Gefahr des Rotstiftes, der dort ansetzt, wo nicht viel Protest zu erwarten ist. Daher ist jeder Museumsbesuch ein kleiner Beitrag zur Erhaltung der vielfältigen Kulturlandschaft.

Donnerstag, Juni 24, 2010

Wassermusik und Feuerwerksmusik zum Ausklang

Concerto de Encerramento do Ano lectivo

GEORG FRIEDRICH HÄNDEL
Música Aquática
Música para os Reais Fogos de Artifício

Orquestra da Universidade do Minho
Toby Hoffman, direcção musical
3 de Julho às 21.30h
Salão Medieval da Reitoria da Universidade do Minho

Entrada livre
Apoio: Reitoria da Universidade do Minho

Als Freiluftmusiken sind die dreiteilige Water Music (Wassermusik), Suite für Bootsfahrten auf der Themse, sowie die Music for the Royal Fireworks (Feuerwerksmusik) von 1749 konzipiert. Letztere wurde anlässlich des am 7. Oktober 1748 geschlossenen Aachener Friedens von König George II in Auftrag gegeben und am 27. April 1749 im Londoner Green Park uraufgeführt. Im Vorfeld kam es wegen der Orchesterbesetzung zu Auseinandersetzungen zwischen dem König und Händel. Denn der König wollte ausschließlich „Militärinstrumente“ (Oboen, Fagotte, Hörner, Trompeten und Pauken) verwendet wissen. Händel dagegen bestand auf Mitwirkung von Streichinstrumenten. Wer sich von beiden letztendlich durchsetzte, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen: Tatsache bleibt, dass Händel seine Partitur ursprünglich für „Militärinstrumente“ konzipierte, jedoch später vermerkte, dass zusätzlich Streicher die Oboen- und Fagottstimmen zu verdoppeln hätten. Die öffentliche Probe der Feuerwerksmusik mit 100 Musikern vor 12 000 Zuhörern am 21. April in Vauxhall Gardens wurde ein großer Erfolg. Das eigentliche Ereignis dagegen, die offizielle Feierlichkeit am 27. April im Green Park, endete mit einem Desaster. Durch technisches Versagen des Feuerwerks fingen die eigens für das Feuerwerk zur Feier des Aachener Friedens errichteten Bauten und Dekorationen Feuer und brannten nieder. Einzig Händels Musik soll die Ehre dieses Tages gerettet haben. [Information Wikipedia]

Montag, Juni 21, 2010

Sang- und klanglos

"Zum 30.06.2010 wird das Konsulat Porto geschlossen. Die Übernahme konsularischer Aufgaben durch einen Honorarkonsul in Porto wird zurzeit vorbereitet."

Diese Worte auf der Seite der Deutschen Botschaft Lissabon informieren über das Ende des Generalkonsulats Porto.

Dieser diskrete Rückzug, der sich wohl aus der Einsparung öffentlicher Gelder erklärt, bestätigt andererseits die zentralistische Organisation Portugals.

Wir erinnern an dieser Stelle dankbar an all diejenigen, die über Jahrzehnte hinweg deutsch-portugiesische Initiativen in Nordportugal unterstützt haben.

Sonntag, Juni 20, 2010

«Der Vorleser» wieder im Kino


Wer die Verfilmung von Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser (1995) noch nicht gesehen hat - oder im Kino wieder sehen will, hat dazu bis Freitag im BragaShopping Gelegenheit (Kultfilm, 19h15).

Als der Film am 12.Februar 2009 in die portugiesischen Kinos kam, schrieb João Lopes einen kurzen Artikel im Diário de Notícias.

Buch und Film - beide Produkte sind umstritten unter dem Vorwurf der Verkitschung der Holocaust-Thematik. Um sich selbst ein Urteil zu bilden: lesen & sehen.

Deutschsprachiger Site.

Samstag, Juni 19, 2010

Hanna Schygulla erinnert an Lissabon «Hafen der Hoffnung»

Am 7. Juni 2010 las die deutsche Schauspielerin und Sängerin Hanna Schygulla im Gare Marítima da Rocha Conde de Óbidos Auszüge aus dem Roman Die Nacht von Lissabon von Erich Maria Remarque.

Die Stadt Lissabon war in den Jahren, die der Roman beschreibt, ein «Hafen der Hoffnung» für so viele Verfolgte, die es über vielerlei Grenzen hinweg geschafft hatten, bis an diesen Rand Europas zu gelangen. Die Metropole, die 1940 mit der Ausstellung der «Portugiesischen Welt» das Imperium zelebrierte, war allerdings keineswegs die Oase des Friedens und der Toleranz, als die Lissabon nun oft im Rückblick idealisiert wird.

Sie kamen zwar in eine Stadt ohne Bedrohung durch Luftangriffe, ohne Verdunkelung, und sie bekamen in der Regel genügend zu essen, doch die Verfolgung hörte nicht auf: der Estado Novo Salazars kollaborierte mit Nazi-Deutschland. Die NSDAP hatte ein gut funktionierendes Netz von Spitzeln und die Bürokratie des Estado Novo verstand es, die Verfolgten noch ein letztes Mal zu schröpfen, bevor sie sich - mit etwas Glück - nach Süd- oder Nordamerika einschiffen konnten.

Illustrative Dokumente zu der Gedenkveranstaltung finden sich auf der Kultur-Seite der Deutschen Botschaft Lissabon, auf Portugiesisch und Deutsch

Frau Tod hat ihn abgeholt - José Saramago

"Meine Lebensuhr wäre fast stehen geblieben" bekannte Saramago vor zwei Jahren, im Rückblick auf seinen prekären körperlichen Zustand zum Jahreswechsel 2007/2008. Jetzt ist sie wirklich stehen geblieben. Für mich befand sich Saramago seit 2004 immer stärker in einem Stadium der Prä-Posthumität. Gestern hat ihn Frau Tod wirklich abgeholt.

An diesem Ort über Saramago zu schreiben, ist vollauf gerechtfertigt. Die Beziehung Saramagos zur deutschsprachigen Welt ist eine besondere, zumindest seitdem er 1955 Erich Maria Remarque und 1956/57 die bekannnte 08/15 Trilogie von Hans Hellmut Kirst aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt hatte. Später finden sich in seinen Romanen immer wieder Figurationen der 'deutschen Identität' - Machthaber oder Handlanger in Machtstrukturen, zum Beispiel die deutschen Latifundienbesitzer in Levantado do Chão (1980). 1985 erschien als Hoffnung im Alentejo gerade dieser Roman als erster in deutscher Übersetzung - damals noch im Aufbau Verlag der DDR.
Es war 1978 in einem Ostberliner Hotel, als ihm - erschöpft auf dem Bett liegend - die Idee O ano da morte de Ricardo Reis zu schreiben, "von der Decke fiel". In diesem Roman tauchen auch ein paar Dialogsequenzen auf Deutsch - in lautlicher Umschrift - auf (ich glaube, die einzigen): Kameramänner, die im Dienste der Propaganda des Estado Novo 1936 A Revolução Nacional drehten.
1980 erscheint seine Übersetzung (wiederum aus dem Französischen) von Otto Zierers Deutscher Geschichte. Die sicherlich stärkste Beziehung, was die Textproduktion betrifft, ist das Libretto In Nomine Dei zur Oper Divara - Wasser und Blut (am 31. Oktober 1993 in Münster uraufgeführt), die die genaue Recherche eines dunklen Kapitels der Stadtgeschichte als 'Jerusalem' der Anabaptisten voraussetzte. Und sein vorletztes Buch A Viagem do Elefante (2008) geht auf einen Besuch in Salzburg am 23.November 1999 zurück, als er im Gasthaus zum Elefanten von der Geschichte erfuhr.

Saramago war viel in Deutschland und Österreich unterwegs. Alle seine Romane und vieles mehr wurden ins Deutsche übersetzt. Nach Andreas Klotsch und Ray-Güde Mertin wurde Marianne Gareis, die auch einige Jahre bei uns in Braga gelebt hat, zur Saramago-Übersetzerin des späten Romanwerkes ab A Caverna (Das Zentrum).

Als die Entscheidung der Schwedischen Akademie am 8.Oktober 1998 bekannt wurde, hatte er gerade die Frankfurter Buchmesse verlassen: man holte ihn zurück und feierte ihn auf einer improvisierten Pressekonferenz als den ersten (und bisher einzigen) Nobelpreisträger portugiesischer Sprache. Das Foto, in der er der glücklichen Ray-Güde Mertin (2007 verstorben), seiner internationalen Literaturagentin, inmitten des Gedränges die Hand küsst, ging um die Welt (leider habe ich nur das folgende Foto von der Buchmesse zur Hand).


Die Rezeption Saramagos im deutschsprachigen Raum kann sicherlich im internationalen Vergleich als privilegiert bezeichnet werden, was die Übersetzung, Medien und Presse betrifft: Saramago ist bekannt. Sein Tod hat sofort zahlreiche Nachrufe ausgelöst und beispielsweise den Spiegel dazu bewegt, zusätzlich ein Dossier zusammen zu stellen.
Im akademischen Bereich gibt es seit 1980 eine Reihe von Studien, die sich mit Saramagos Werk beschäftigen. Diese Aktivität ist leider kaum über den deutschsprachigen Raum hinaus bekannt geworden.
Ich selbst bin durch ein Proseminar zu Memorial do Convento von meinem Lektor José Pinto Novais 1983 dazu verleitet worden, Saramago zu lesen. Ihm habe ich daher auch die 1992 veröffentlichte Studie zu diesem Roman gewidmet. Dieser sollten über die Jahre hinweg viele weitere folgen. 1996 hatte ich Gelegenheit, ein paar Tage mit José Saramago und seiner Frau Pilar del Río zu verbringen, als am 19.-20. September in Amherst (Massachusetts) das erste internationale Kolloquium zu Saramago stattfand und wir danach im Greyhound-Bus nach New York fuhren (siehe Cadernos de Lanzarote. Diário IV, Seite 221-23).
Seitdem sind wir sporadisch in Kontakt geblieben. Ich bin kein absoluter Saramago-Fan geworden, aber doch so weit vertraut, dass ich viele Vorurteile, die so leichtfertig über sein Werk und seine Person in den Medien und in der Blogsphäre verbreitet werden, nicht teilen kann. Ebensowenig kann ich mit der Heuchelei des Staatsbegräbnisses anfangen, bei dem Persönlichkeiten am Toten vorbei defilieren, die dem Lebenden nie die Hand gegeben hätten. An dieser Entwicklung ist Saramago selbst nicht ganz unschuldig, hat er sich doch immer dem Medienspektakel ausgesetzt.


Ein durchaus vieldeutiges, ja ambivalentes Porträt habe ich in "Zur Einführung - Augenblicke" in der zweiten Auflage meines Buches Saramago lesen (Berlin, Edition tranvía 2009) zu zeichnen versucht. Das Ganze soll eine Art Handbuch sein. Gegenüber der Erstausgabe 1998 wurde es stark aktualisiert und erweitert. Der 20-seitige biographische Abriss klingt dabei in denselben Worten Saramagos vom Oktober 2008 aus, mit denen ich diesen Blog-Text begonnen habe: "Meine Lebensuhr wäre fast stehen geblieben." Die Wirkung seines Werkes wird sicherlich nicht stehen bleiben.

Auf Englisch:

Homage to José Saramago, von Christoper Rollason

Sonntag, Juni 06, 2010

100 Jahre Malte Laurids Brigge

Vor 100 Jahren, genau am 31. Mai 1910, erschienen zum ersten Mal Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Natürlich ist das ein Datum, das im deutschsprachigen Kulturkreis nicht unkommentiert blieb, ja Gelegenheit zu einer Jubiläumsausgabe im Manesse Verlag gab, die Ausgangspunkt diverser Essays ist:

Berliner Zeitung

Im Scheinwerfer des Herzens

Vor hundert Jahren erschien Rilkes Epochenbuch "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge"

Manfred Schwarz

Bereits einen Monat zuvor erschienen:

Rilkes „Brigge“ wird 100

Das opus magnum des Wortmagiers zum Wiederlesen

Dorothee Arndt

© Die Berliner Literaturkritik, 30.04.10


Aber mich interessierte natürlich auch, ob sich jemand in Portugal daran erinnerte - und siehe da, in der portugiesischen Blogosphäre finde ich in Contra Mundum aus der Feder von H.G.Cancela Anmerkungen zu Os Cadernos de Malte Laurids Brigge vom 23.Mai 2010, die mit einem vergleichenden Lob enden und den Ort in der portugiesischen Leselandschaft markieren:

É um livro de formação, um livro do final da adolescência — já não o momento da descoberta, mas o da consciência dos limites da própria descoberta. Depois deste livro, textos como (por exemplo, e reportando-nos a uma obra com a qual partilha muitas afinidades) o Livro do Desassossego surgem de uma quase confrangedora banalidade. Espantoso exercício de afirmação de fé na escrita e nos seus limites, o romance de Rilke surge como instrumento senão de redenção, pelo menos de reconstrução da sua impossibilidade:

«Este jovem, este estrangeiro sem importância, este Brigge, terá de se sentar no seu quinto andar e escrever, dia e noite: sim, terá de escrever, e isso será o fim.»

Na tradução de Paulo Quintela, este é um dos mais importantes livros em língua portuguesa do século XX.