Mittwoch, August 21, 2013

Spezialisten am Werk: Willy (oder Isy) Goldberger

«Auf Wiedersehen, ich habe keine Zeit zu verlieren, es ist schon ziemlich spät. – Es ist Punkt Mitternacht. Machen Sie bitte das Licht aus».

Das sind die einzigen deutschen Sätze, die im Werk von José Saramago erscheinen, begleitet von einer (zweifelhaften) phonetischen Transkription und Übersetzung, denn – wie es weiter heisst: „wir befinden uns erst am Anfang der Lehrzeit“ [ainda estamos na primeira aprendizagem]. Fragt sich, worauf sich diese Lehre bezieht, denn wir befinden uns im Dialog zwischen dem portugiesischen Filmregisseur António Lopes Ribeiro (1908-95) und einem ungenannten deutschen leitenden Kameramann oder „diretor de fotografia“. Es geht um die Dreharbeiten für den Propagandafilm A Revolução de Maio in den Straßen von Lissabon, die ausführlich in der zeitgenössischen Presse kommentiert werden.

Dabei erscheint der Deutsche, wie so oft in Saramagos Romanwerk seit Levantado do Chão (dt. unter dem Titel Hoffnung im Alentejo) in der Rolle des spezialisierten ‚Handlagers‘, der durch sein Tun und Wissen Portugal unterstützt, sei es Kreuzritter Heinrich aus Bonn bei der Belagerung von Lissabon, sei es der schwäbische Architekt Johann Friedrich Ludwig beim Bau des Klosters von Mafra. In wie weit wir hier Saramago ein spezifisches Bewußtsein zuschreiben können, versuchte Grossegesse (1995) zu zeigen. Dabei hat er allerdings den ungenannten Kameramanns in O ano da morte de Ricardo Reis zu erwähnen vergessen (1). Wird in den zitierten Sätzen die sprichwörtliche deutsche Zeit- und Lichtökonomie ironisch wachgerufen?

Wußte Saramago, dass es sich bei dem „diretor de fotografia“ um Willy Goldberger (oder nach anderen Angaben um den älteren Bruder Isy) handelte? – einem der so vielen Spezialisten mit jüdischem Stammbaum der deutschen Filmindustrie, die nach Hitlers Machtergreifung in die Emigration gezwungen wurden und sich in den Dienst der Filmindustrie anderer Länder stellten, ohne viele Fragen über das Regime der Gastgeber zu stellen. Dies wird mit seiner Leitung der Dreharbeiten zu dem Propagandafilm deutlich, der 1936 die zehn Jahre der ‚Nationalen Revolution‘ von 1926 feiern sollte, aber erst im Jahr darauf im Beisein Salazars im Tivoli feierlich der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Goldberger erhielt die Gratulationen Salazars und des ‚Propagandaministers‘ António Ferro, der unter Pseudonym am Drehbuch mitschrieb. Kurioserweise ist A Revolução de Maio der einzige Spielfilm (ohne Publikuserfolg), in dem Salazar selbst auftritt, dank der Inkorporierung von Dokumentarfilm-Material (insgesamt 14 Streifen), in diesem Falle einer Ansprache des Diktators vom Balkon des heutigen Museu Nogueira da Silva in der Avenida Central von Braga, damals so etwas wie eine ‚Hauptstadt der Bewegung‘ für das Regime.



In der Filmographie des erfahrenen Willy Goldberger (* 1898, Berlin), der von 1915 bis 1933 an die hundert (!) Spielfilme drehte und später die spanische Identität von Guillermo Goldberger annahm (2), erscheint A Revolução de Maio nicht, wohl aber 1938 A canção da terra, Os Fidalgos da Casa Mourisca und A rosa do Adro sowie 1939 Feitiço do império, ein weiterer aufwändiger Propagandafilm des Estado Novo wiederum unter der Regie von Lopes Ribeiro, der zuweilen (wenig schmeichelhaft...) ‚cineasta do regime‘ genannt wurde.
Warum es Willy Goldberger nach dem Sieg Francos im Bürgerkrieg vorzog, in den 40er und 50er Jahren in Spanien weiter zu arbeiten (Filmographie von über 20 Titeln) mag dahingestellt bleiben. Sein genaues Todesdatum ist unbekannt; er verschwindet 1970 im Madrider Melderegister; die Filmographie führt Goodbye Sevilla von 1955 als seine letzte Arbeit (zusammen mit seinem ebenfalls emigrierten, um sechs Jahre älteren Bruder Isidoro bzw. Isy Goldberger), vierzig Jahre nach seinem Debut mit dem Stummfilm Seifenblasen.

Das Schicksal der Brüder Goldberger steht stellvertretend für so viele der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden (siehe Weniger, 2011). Einige davon kamen mit portugiesischen Regisseuren wie zum Beispiel António Lopes Ribeiro in Kontakt und trugen damit zur Filmgeschichte Portugals bei. Diese Kooperation und Wissenstransfer bleibt zumeist vergessen oder lediglich Randerscheinung (siehe Costa, 1991). Erst im Buch von Murtinheira / Metzeltin (2010) erfährt sie eine erste Würdigung. Dabei gibt es Vorgeschichten dieser deutsch-portugiesischen Beziehungen – vor 1933 – , denen wir weitere Einträge widmen werden, beginnend bei der ‚deutschen Lehrzeit‘ von António Lopes Ribeiro, der 1936 sehr wohl mehr verstand (und sprach) als «Machen Sie bitte das Licht aus».

(1)   Lisboa, Caminho 1984, 368-69. Inzwischen ist Grossegesses Studie über die „memória cinematográfica“ in O ano da morte de Ricardo Reis (ausgehend von einer produktiven Rezeption von Mann / Visconti) erschienen. Sie geht zurück auf ein Seminar an der USP in São Paulo (22. August 2011).
(2)   Für das spanische Publikum drehte Goldberger vorwiegend schwülstige Melodramen und sentimentale Liebesgeschichten, aber auch einige wenige Komödien, sozial engagierte und patriotisch-militärische Stoffe.” (Weniger, 2011: 202)


Bibliographie

Costa, João Bénard da (1991), Histórias do Cinema. Lisboa, Imprensa Nacional – Casa da Moeda.

Grossegesse, Orlando (1995), “Das Deutsche und das Europäische im Werk José Saramagos”. In: Portugal und Deutschland auf dem Weg nach Europa, (orgs.) Marília dos Santos Lopes, Ulrich Knefelkamp e Peter Hanenberg. Pfaffenweiler, Centaurus, 221-231.

MurtinheiraAlcides / MetzeltinIgor (2010), Geschichte des portugiesischen KinosWien, Praesens Verlag.

Weniger, Kay (2011), Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben … Lexikon der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden 1933 bis 1945. Eine Gesamtübersicht. Hamburg, Acabus.


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